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  • Ingrid B.

Sehnsucht nach der guten, alten Oma


Wer früher eine Oma hatte, weiß wovon ich spreche...

Großmutters Metamorphose zur taffen Anneliese und Marion

Wenn ich die Erinnerungen an meine Kindheit hervorkrame wie einen Schatz, dann denke ich an Klickerspiele, Gummi-Twist und Brausepulver. An heiße Sommer im Freibad, kalte Winter mit Schneeballschlacht und vor allen Dingen an Oma! Sie war begnadete Köchin, wandelndes Sprichwörter-Lexikon, Zimmerpflanzendoktorin, Kunststopferin, Einmachexpertin, exzellente Märchenerzählerin, Kummerkastentante – der Fels in der Brandung und der Trost aller Kinderseelen.

„Wenn du denkst, es geht nicht mehr, kommt von irgendwo ein Lichtlein her…“, das war Oma!

Oma lebte mit ihrem Kater Fritzi, der genauso wohlbeleibt war wie sie, auf dem Lande. Trug ihre grauen Haare zu einem altmodischen Dutt und roch nach Kölnisch Wasser und Brombeergelee.

Auf ihre schneeweiße Wäsche war sie immer besonders stolz. Die hing, für alle sichtbar, fröhlich flatternd im Garten. Die großen Laken vorne, die „Liebestöter“ (wie sie selbst ihre Schlüpfer nannte) sittlich dahinter. „Persil bleibt Persil“ – diesen Spruch hatte sie verinnerlicht. Und hätte Herr Henkel meine Oma gekannt, sie wäre vom Fleck weg engagiert worden und wie Clementine von Ariel, hätte sie Werbegeschichte geschrieben.

Hat sie aber nicht! Für Oma war „Bescheidenheit eine Zier“. Wenn wir Kinder heulend, mit geschundenen Knien vom Rollschuh laufen nach Hause kamen, zog sie ihr Taschentuch aus der Schürze, benetzte es mit Spucke und wischte uns erst mal den Rotz aus dem Gesicht. Danach waren die Knie dran: Seifenlauge und Pflaster. Basta!

Nur eines mochten wir ganz und gar nicht: ihre selbstgestrickten Pullover! Die kratzten wie die Hölle und galten auch in meiner Kindheit als modisches „No-Go“. Aber, wann immer wir mit einer „Fünf“ in Mathe nach Hause kamen, war Oma zur Stelle, fragte nie nach Eigenverschulden, sondern kochte erst mal Vanillepudding. „Gutes Essen hält Leib und Seele zusammen“, war ihr Leitspruch, wenn es darum ging, nur ja nicht mit der guten Butter zu geizen.

Trotz Gummistrümpfen, Kittelschürze und Watschel-Gang war Oma uns – auch in der Hochphase unserer pubertären Jahre – niemals peinlich. Schließlich war sie alt und unsere Oma! Bei unserem ersten Liebeskummer verlangte sie nicht nach „Aufarbeitung der Beziehung“, sondern stellte nur glasklar fest: „Wer dich nicht will, der kriegt dich nicht“ und empfahl schnellstens „Weitersuchen“. Und überhaupt hätten andere Mütter auch schöne Sohne. Ach, Oma! Recht hast du gehabt!

Doch auch Enkel kriegen irgendwann mal Kinder und die nennen ihre Omas: Marion und Anneliese. Denn als Oma – und das haben sie schon bei derGeburt des ersten Enkels klar gestellt, wollen sie aufgrund ihres jugendlichen Aussehens (noch) nicht angesprochen werden.

Claro! Wie kämen wir auch dazu?

In Marions Kühlschrank findet man allerhöchstens einen Becher Magerjogurt und sogar die Katze – und da übertreibt sie ein wenig – ist ständig auf Diät!

Marion und Anneliese achten immer und überall auf ihre schlanke Linie. Und schon frühmorgens findet man sie im Fitnessstudio oder auf dem Golfplatz. Marion läuft demnächst sogar ihren ersten Marathon! Die Enkelkinder bekommen Marion und Anneliese nur selten zu Gesicht. Entweder sind sie auf Kreuzfahrt im Mittelmeer oder treiben sich bei den Krokodilen am Nil herum. Und wenn noch ein bisschen Zeit über ist, besuchen sie auch noch die Tante in Marokko.

„Meine Oma fährt im Hühnerstall Motorrad“, dieses Lied fanden wir Kinder früher witzig. Heute kann ich darüber gar nicht mehr lachen. In drei Wochen ist es nämlich soweit: Anneliese erfüllt sich ihren Lebenstraum. Sie fährt mit Rudi, ihrem neuen Lebensgefährten, einmal mit der Harley die Route 66 entlang.

Oh ja, wir können mächtig angeben mit unseren modernen Omis!

Nur manchmal beschleicht uns die leise Sehnsucht nach einer guten alten Oma fürs Grobe. Nach einer weisen Frau, mit einem Herz so groß wie ein Heißluftballon, die das hat, was wir nicht haben: Zeit.

Die unsere schnöden Erziehungsmethoden ein bisschen kompensiert. Die immer, wenn unsere Kinder mal wieder irgendwas verschluckt haben, sagt: „Notfall-Ambulanz? Paperlapapp. Rizinusöl reicht!“

Auch Marion und Anneliese lieben ihre Enkel über alles und schenken zum Geburtstag, zur Kommunion oder zu Weihnachten natürlich immer pädagogisch wertvolles Spielzeug. Nur einmal, da konnte Anneliese partout nicht wiederstehen. Es musste dann doch die neueste Glimmer-Barbie sein. Ach Anneliese, sind wir nicht alle kleine Sünderlein?

An ihren Besuchstagen, die ich im Kalender der Kinder immer mit einem roten Textmarker einkringele, witzelt Marion gerne: „Jetzt muss ich doch tatsächlich mit einem Opa ins Bett gehen“. Apropos Opa! Sie muss nach Hause. Denn der Opa gönnt sich ohne ihre Aufsicht gern mal ein Bierchen mehr. Und überhaupt, sie muss noch Altgriechisch für ihr Seniorenstudium an der Uni büffeln.

Ja, Mutter. Lass dich nicht aufhalten! Und die Kinder müssen ja auch ins Bett!

Diesmal kommt die Gutenacht-Geschichte aber nicht aus dem iPod sondern ich lese vor.

Irgendwo muss doch noch Omas Märchenbuch sein? Aha! Ganz zerfleddert und grau, klappe ich es auf und plötzlich rieche ich ihn – den feinen Hauch von Kölnisch Wasser und Brombeergelee…


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© 2017 by ingrid boucha

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